Berlin-Dossier, Nr. 28

2026 steht vor der Tür und wird kein Jahr der gemütlichen politischen Routinen. Es wird ein Jahr, in dem sich entscheidet, ob Deutschland noch handlungsfähig ist – oder ob es sich weiter im eigenen Anspruchsdenken verfängt. Die politischen Themen sind bekannt, fast schon abgenutzt. Neu ist jedoch ihre Dringlichkeit. Wer 2026 noch von „komplexen Abwägungen“ spricht, meint in Wahrheit Stillstand. Die Zeit der Ausreden ist vorbei.

Im Mittelpunkt steht die Erosion politischer Glaubwürdigkeit. Wähler erleben seit Jahren, dass Probleme präzise beschrieben, aber selten gelöst werden. Migration, Wirtschaft, Energie, Sicherheit – alles steht auf der Agenda, doch nichts kommt wirklich voran. 2026 wird deshalb weniger über Programme entschieden als über Vertrauen: Vertrauen darin, dass Politik noch mehr kann als moderieren und vertagen.

Besonders deutlich zeigt sich das in der Wirtschaftspolitik. Deutschland lebt längst von seiner Vergangenheit. Der industrielle Kern schrumpft schleichend, Investitionen wandern ab, Genehmigungsverfahren dauern länger als Innovationszyklen. Gleichzeitig wird jede Reform sofort unter Ideologieverdacht gestellt. Wer Bürokratie abbauen will, gilt als sozial kalt. Wer Energiepreise senken möchte, als klimapolitisch rückwärtsgewandt. Dieses Denken ist 2026 nicht mehr nur falsch – es ist gefährlich für den Standort.

Noch explosiver ist das Thema Migration. Die politische Debatte hat sich von der Realität der Kommunen entkoppelt. Ordnung, Steuerung und Begrenzung wurden jahrelang rhetorisch versprochen, praktisch aber vermieden. 2026 rächt sich diese Haltung. Integration funktioniert nicht ohne Kontrolle, Humanität nicht ohne Struktur. Wer diese Zusammenhänge weiterhin tabuisiert, überlässt das Feld jenen, die einfache Antworten liefern.

Parallel dazu zwingt die Sicherheitslage Deutschland zu einer unbequemen Erkenntnis: Frieden ist kein Zustand, sondern eine Aufgabe. Die sogenannte Zeitenwende ist politisch ausgerufen, aber administrativ verschleppt worden. 2026 wird sich zeigen, ob Deutschland bereit ist, Verantwortung in Europa zu übernehmen – oder ob es weiter zwischen moralischem Anspruch und realer Verteidigungsfähigkeit laviert.

Auch die Klima- und Energiepolitik steht vor einem Realitätscheck. Klimaschutz verliert seine gesellschaftliche Akzeptanz, wenn er als Wohlstandsrisiko wahrgenommen wird. Wer Transformation nur über Verbote und Kosten organisiert, produziert Widerstand statt Fortschritt. 2026 entscheidet sich, ob Klimapolitik wieder als Innovationsprojekt verstanden wird – oder als politischer Selbstzweck.

Über all dem liegt ein strukturelles Problem: der handlungsunfähige Staat. Brücken verfallen, Behörden digitalisieren Formulare statt Prozesse, Fördergelder versickern in Zuständigkeiten. Der Föderalismus schützt nicht mehr Vielfalt, sondern Verantwortungslosigkeit. Wenn 2026 hier kein Befreiungsschlag gelingt, wird Politik weiter an Legitimation verlieren – unabhängig von Wahlergebnissen.

Deutschland braucht 2026 keine neuen Leitbilder, sondern Entscheidungen. Keine Arbeitskreise, sondern Prioritäten. Keine wohlklingenden Koalitionsverträge, sondern den Mut, Konflikte auszutragen. Dieses Jahr wird zeigen, ob Politik noch gestalten will – oder nur verwalten kann. Für ein Land mit diesem Anspruch wäre Letzteres ein Armutszeugnis.

Von Detlef Untermann

Detlef Untermann ist ein deutscher Journalist und Kommunikationsmanager, der auf eine über 40-jährige Erfahrung im Medien- und PR-Bereich zurückblicken kann. Mehr unter "Über den Autor" auf dieser Webseite und auf Wikipedia.

2 Kommentare

  1. Wie wahr. ABER: die Hoffnung stirbst zuletzt.
    Vielleicht werden einige „Altvordere“ der Politik endlich wach.
    In dem Sinne,
    Frohes neues Jahr

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